Mit dem Großvater auf dem Friedhof

Sat, 21 Nov 2020 18:21:42 +0000 von Wolfgang Ziehe

Spazieren bin ich mit dem Großvater nur am Nachmittag gegangen. „Am Vormittag tut man was“, pflegte er zu sagen. Wenn wir zwei am Morgen zusammen loszogen, gab es immer einen Grund. Gingen wir in den Garten, sollte gearbeitet oder geerntet werden. Gingen wir in den Ort, standen Besorgungen an. Manchmal gingen wir auch zum Friedhof. Immer hatte der Großvater dann ein paar Blümchen und eine kleine Hacke dabei. Der Großvater erklärte mir den Friedhof als einen Ruheort der Verstorbenen, als Ort der Erinnerung. „Über Jahrhunderte war es üblich gewesen, die Verstorbenen vom Sterbehaus zum Grab auf den Schultern starker Männer zu tragen“, erzählte er mir. 

Im Sommer 1962 war die Tante Traute gestorben. Sie war ja in den Himmel gekommen, soviel war mir kleinem Jungen bekannt. Doch was tat sie dort? Täglich wollte sie mit dem Rollstuhl hin- und hergeschoben werden. Würde das dort auch möglich sein, bei Gott im Himmel?

Und was war mit dem Friedhof? Ich erinnerte mich noch an den letzten Weg von Tante Traute. Die Gemeinde hatte einen schwarzen Leichenwagen, mit einem Oberbau aus Holz, die Achsen waren gefedert und konnten acht Zentner tragen. Zwei Laternen hatte der Wagen, an beiden Seiten außen angebracht. 
 
Dem Fahrer zahlte die Gemeinde für jede Fuhre dreißig Mark, der Großvater legte noch einen Zehner drauf. Dafür kam der Kutscher in anständiger dunkler Kleidung. Die Pferde, das Geschirr und die Kutsche waren sehr sauber. Ich fand das alles damals faszinierend.
 
Unsere Besuche auf dem Friedhof eröffneten mir neue Fragen, was denn mit der Traute passiert sei und ob sie nun im Himmel ihren Tee trinke. Einmal angeregt, sprudelten die Fragen nach dem Warum, nach dem Wohin und dem Danach. Der Großvater war - so weiß ich es heute - alt und klug gewesen. Er nahm sich Zeit und nahm mich und meine Fragen, meine Ängste und Sorgen ernst.
 
Er erzählte vom November. Vom Sommer, der längst vorbei war. Und auch vom Herbst, der sich dem Ende entgegen neigte. Er sprach vom Werden und Vergehen und was mit einem toten Körper passiert. An den Großvater gekuschelt hörte ich, dass der Himmel die Wohnung Gottes ist. Und dass das menschliche Leben zwar endlich ist, aber bei Gott ewig aufgehoben bleibt. So lernte ich fast nebenbei, dass Abschied, Trauer und Tod auch für mich als Kind zum Lebensalltag gehörten. Der Tod von Tante Traute und der Verlust des geliebten Vogels waren Dinge, die mir begegnet waren und die ihren Raum bekamen. Auch, warum es einen Friedhof gibt.
 
Der Großvater war den Fragen nach dem Sinn von Leben und Tod nicht ausgewichen. Er hatte bei mir mit seinen Erklärungen eine tiefe Zuversicht verbreitet. Und er hat mir früh gezeigt, dass Abschiednehmen zum Kreislauf des Lebens dazu gehört. Der Großvater - viele Jahre schon tot - gehört immer noch fest zu mir.

Diakon Wolfgang Ziehe
Quelle: Pixabay